Historie der Scheffel-Apotheke

Vortrag 11. Juni 2026 um 19.00 Uhr zum Thema:

Von der Klosterheilkunde zur modernen Pharmazie

In der alten Stadtapotheke anlässlich der 1200 Jahr Feier der Stadt Radolfzell

Klosterinsel Reichenau St. Georg Oberzell

Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Besucherinnen und Besucher!

Willkommen in der alten Stadtapotheke zu meinem Vortrag! Mein Name ist Michael Dohm; ich bin Apotheker in Radolfzell seit 1995.

Zwei Dinge führen uns hier zusammen: erstens begeht die Stadt das 1200. Gründungs-jubiläum und zweitens feiern wir den 200. Geburtstag von Joseph Victor von Scheffel. Von ihm stammt auch der Satz: „schöpfe aus der Vergangenheit Kraft für die Zukunft.“ Unser Ehrenbürger Viktor von Scheffel hat sicher des Öfteren die Offizin der Stadt- Apotheke besucht. So können wir in diesen Räumen nicht nur ihm nachspüren, sondern auch ein gutes Stück Pharmaziegeschichte ganz anschaulich erleben.

Meinem Vortrag voranstellen, möchte ich die These, die es im Verlauf des Vortrags immer wieder zu hinterfragen gilt: „das heutige, hohe Alter, nicht Lust, sondern Herausforderung für unser Gesundheitssystem“.

Tuerkischer Mohn

Am Anfang aller Therapien steht der Instinkt. Ohne einen gut ausgeprägten Instinkt hätten unsere Vorfahren nicht überleben können. Es gab weder ärztliche noch pharmazeutische Hilfe. Wie müssen wir uns das vorstellen? Die Fremdkörper-Theorie hilft uns dabei; einem in die Haut eingedrungenen Fremdkörper suchte der Mensch automatisch zu entfernen. Die Beseitigung des Gegenstandes, der den Schmerz veranlasste, führte zu einer spontanen Besserung des Schmerzzustandes. Die Entfernung von Dornen, Splittern oder Parasiten war sicher der Beginn aller Heilkunst.

Es gibt in jedem frühzeitlichen Volksstamm, eine ursprüngliche Heilkunst, die je nach Entwicklungsstufe unterschiedlich weit entwickelt war. Das übergreifende Wissen zum Thema Heilkunst beginnt mit der zunehmenden Mobilität der Völker. Arabien, Ägypten, auf der einen Seite mit ihren sehr langen und hoch stehenden Traditionen, China und Japan auf der anderen Seite. Auch Einflüsse der Religionen sind noch einmal besonders zu bewerten. Sicher haben die arabischen Länder mit Ägypten einen Austausch gepflegt und die Griechen waren dann der Überträger dieses Wissensschatzes (Hippokrates um 460-370 v. Chr.). Wiederum die Römer trugen das gesamte Wissen aus ihrem Imperium zusammen (Galen, griechisch – römischer Arzt, um 130 bis ca. 200 n. Chr), und dieses Wissen erreichte unsere Vorfahren. Die Germanen hatten keinen eigentlichen Heilberufsstand, vielmehr nahmen von jeher die germanischen Frauen eine führende Rolle als Spenderin ärztlicher Hilfe ein. Diese Frauen bewährten sich in der Pflege und Behandlung von Wunden, wie Tacitus in seiner Germanica bezeugt. Gleichzeitig waren sie auch Geburtshelferinnen. Höchsten Respekt als Heilkundige genossen die Kult- Priesterinnen, die aus Opferblut weis zu sagen vermochten. Als Heil-Gott fungierte Wodan – Odin. Räucherungen, Wort –, Kraut – und Steinzauber waren die Mittel der Wahl. Vielleicht begegnet uns hier der erste Nachweis der Wirksamkeit von Placebos?

Der-Apotheker-im-Heiligen-Grab-in-Konstanz

Nun wagen wir einen Zeitsprung und betrachten die Klöster als Pflanzstätten der neuen Wissenschaft. An die Stelle der platonischen Akademie (bis 529 n. Chr.) treten nun die Klöster als Vermittler des vorhandenen Wissens und neuer Erkenntnisse. Wir haben das Glück, uns hier am Bodensee, mit den Anfängen der Pharmazie hautnah konfrontieren zu können. Der karolingische Klosterplan von St. Gallen wurde 814 verpflichtende Norm für alle fränkischen Benediktinerklöster. Auch das Kloster Reichenau wies die geforderten Räumlichkeiten auf: Krankengebäude, um das sich die Krankenkapelle, eine Küche, das Badehaus, Aderlass- und Laxierhaus, das Haus der Ärzte mit Zimmer für Schwerkranke, Behandlungsraum, Vorratskammer für Arzneimittel (amarium pigmentorum = Apotheke) und ein Arzneigarten (herbularius) gruppierten.

Von Walahfried Strabo, Abt der Reichenau von 838-849 (Zeitgenosse unseres Stadt Gründers, Bischof Ratold 770-845) und seinem Werk „De cultura hortorum“ wissen wir von 16 Beeten, neben der Apotheke gelegen und deren Inhalt, wie zum Beispiel: Salbei, Rosmarin, Fenchel, Liebstöckel, Pfefferminze und andere wie Mariendistel, Johanniskraut, Lauch und so weiter. Gut 300 Jahre später leistete die herausragende Gestalt der Benediktineräbtissin Hildegard von Bingen (1098-1179) wertvolle Beiträge auf diesem Gebiet. In ihrem Werk „causa et curae“ berichtet sie über den Ursprung und die Entstehung von Krankheiten und deren Therapie und in ihrem Buch „physika“ berichtet sie über die feinstofflichen Kräfte aus Pflanzen, Elementen, Edelsteinen, Metallen und Tieren und wie diese für den Menschen heilbringend eingesetzt werden können. Diese Wissenschaftlerin beschäftigte sich bereits damals mit den günstigsten Standorten für die Pflanzenzucht, beschrieb welche Pflanzenteile geerntet werden sollen, wann gesät werden soll und wann geerntet werden soll. Dieses Wissen finden wir auch in den indischen Arzneibüchern der Ayurveda wieder und stellen heute zu unserer Verblüffung fest, dass es tatsächlich sogar auf die Tageszeit ankommen kann, wann eine Pflanze geerntet werden muss (Safran) oder in welchem Jahr eine Pflanze den höchsten Wirkstoffgehalt entwickelt (Fingerhut), den wir uns bis heute, oft isoliert zu einem Hauptwirkstoff, zu Nutze machen.

Erste-Apothekenwerbung-aus-dem-16-Jahrhundert

Einige Pflanzen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, die wir noch heute verwenden möchte ich aufzählen: Anis, Brennnessel, Enzian, Fenchel, Gewürznelke, Ingwer, Kamille, Königskerze, Liebstöckel, Schlafmohn, Muskat, Kümmel, Ringelblume, Salbei, Schafgabe, Schöllkraut, Süßholz, Zimt und viele mehr.

Das Schöllkraut wird uns nachher mit dem wohlklingenden Namen von Theofrastus Bombastus von Hohenheim noch beschäftigen.

Nun nähern wir uns mit riesigen Schritten dem mittelalterlichen Apothekenwesen. Das Wort Apotheke, Apotheker stammt vom lateinischen Lehnwort „apotheca“ und wie Sie richtig vermuten, vom griechischen Substantiv „apotheke“ beziehungsweise dem zugehörigen Verb „apothitenai“, was ablegen oder aufbewahren, bedeutet, ab. Die älteste, bis heute bestehende Apotheke der Welt ist die Officina Profumo–Farmaceutica, di Santa Maria Novella von Dominikanern 1221 in Florenz gegründet.

Das Geburtsjahr der Institution Apotheke ist das Jahr 1241. Der Staufer Kaiser Friedrich der Zweite (1212-1250) erließ mit Abschluss seiner constitutionis Frederici II, die Trennung des Apothekerberufsstandes von der des Arztes. Was also vor 785 Jahren richtig war, wird jetzt von der deutschen Gesetzgebung in Frage gestellt, da online Ärzte sich mit online Apotheken verbunden haben und damit eine gemeinsame Einnahmequelle erschlossen haben.

Friedrich der Zweite wollte:

Einige Pflanzen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, die wir noch heute verwenden möchte ich aufzählen: Anis, Brennnessel, Enzian, Fenchel, Gewürznelke, Ingwer, Kamille, Königskerze, Liebstöckel, Schlafmohn, Muskat, Kümmel, Ringelblume, Salbei, Schafgabe, Schöllkraut, Süßholz, Zimt und viele mehr.

  • Erstens Verbot der Interessengemeinschaft zwischen Arzt und Apotheker
    Zweitens Verbot des Apothekenbesitzes für Ärzte
  • Behördliche Überwachung der Apotheken durch vereidigte Beamte,
    Bestimmung der Ablegung eines Eides als Apotheker
  • Behördliche Preis-Festsetzung für Arzneimittel (Arzneitaxe)
    Beschränkung der Apothekengründung auf bestimmte Orte

Die ersten Apothekereide stammen aus Basel 1309 und Nürnberg 1338.

  1. Die Auflage, alle Kranken, ohne Ansehen der Person, gleichmäßig und aufs Beste zu behandeln.
  2. Das Gebot einer mäßigen Honorarforderung.
  3. Das Gebot die Arzneimittel aus der Apotheke zu beziehen (Verbot der Arzneizubereitung durch den Arzt)
  4. Die Ärzte sollen von den von Ihnen verordneten Arzneimitteln keinen Gewinn haben.
  5. Androhung einer Geldstrafe für die Praxisausübung, ohne den Eid abgelegt zu haben.

Aus Konstanz ist uns der Ratsbeschluss in der Landessprache: „allen Arzat und Appateger“ überliefert und ein Eid (1472) „ Der Appotegker Ordnung“.

Die Trennung in frater medicus und frater apothekecarius gelang zuerst nur teilweise, noch bis weit in das 14. Jahrhundert finden wir die so genannten: Apotheker-Ärzte. Das älteste Apothekenprivileg stammt aus der uckermärkischen Stadt Prenzlau aus dem Jahr 1303, wo der Markgraf, dem Bürger Walther die Leitung einer „apotheca“ übertrug und innerhalb von 10 Meilen keine andere zuließ. auch von Basel wissen wir, der Apothekerstand, hat sich früh aus der Allgemeinheit der Kaufleute aus- gesondert. Sie gehörten hier zur Zunft „zum Safran“, die ein sehr hohes Ansehen genoss. In anderen Städten wie zum Beispiel Antwerpen gehörte der Apotheker zur „Meerse“ einer privilegierten Zunft, die alle Berufe einschloss, die mit Gewicht und Maß zu tun hatten. Nicht überall wurde so genau unterschieden: in Gent gehörten wir zu den Käsehändlern und Kerzenziehern, in anderen Städten zu den Chirurgen und Barbieren, oder zu den Gewürzhändlern. Dennoch fehlten die Apotheker in vielen Gemeinden und so wurden sie aus Italien geholt; sicher ein frühes Kapitel der Fremdarbeitergeschichte in unseren Landen. Ein sprachliches Problem bestand übrigens nicht, da man der lateinischen Sprache mächtig war und sich somit Arzt und Priester und allen anderen Gelehrten in den Städten mit Fakultäten unterhalten konnte.

Einen meiner unermüdlichsten Kollegen möchte ich Ihnen hier vorstellen. Er mischt seit dem 13. Jahrhundert Salben am Heiligen Grab in der Mauritiuskapelle des Konstanzer Marienmünsters. Auffallend ist die vermutlich frühste Darstellung transalpin, eines sogenannten „oculi“, eines geschliffenen Glases, um die Sehstärke zu korrigieren.
Wie entwickelte sich in dieser Zeit das Gesundheitswesen weiter? So makaber es klingt, die Seuchen und deren verheerende Auswirkungen waren Katalysatoren der Medizinalgesetzgebung. So errichteten viele Städte zu Beginn des 14. Jahrhunderts, ihre ersten Spitäler, so auch in Radolfzell (offiziell 1384, es gibt aber Anhaltspunkte, dass schon 1333 ein Spital in der Stadt bestand). Die Städte litten unter Pest, Lungenschwindsucht, Fallsucht, Krätze, Antoniusfeuer (Gangrän, als Folge von Ergotismus), Milzbrand und Lepra, Blattern, Pocken und die Syphilis folgten auf dem Fuße.

„Bis zu dieser Zeit, können wir, wenn wir uns an die Frage des Anfangs erinnern, keine signifikante Erhöhung der Lebenserwartung bescheinigen.“

Wie ging es weiter? Langsam, sehr geehrte Zuhörer, sehr langsam. Die Apotheker verdienten sich ihre Lorbeeren nicht nur als Kräuterkundige, sondern auch durch das Setzen und Verabreichen von Klistieren und natürlich durch ihre alchemistischen Versuche. Ein solches Labor ist heute noch in der ältesten Apotheke von Luzern (Alte Suidtersche Apotheke 1833) zu bewundern und in der Schloss Apotheke in Heidelberg. Wenige herausragende Persönlichkeiten brachten echte Fortschritte. Woran lag das? An der Fragestellung der damaligen Wissenschaft.

Ich möchte das kurz an der Person des Paracelsus beleuchten. Paracelsus, Philosoph und Arzt 1494-1541 aus Basel. „Alle Stoffe bestehen aus Salz, Schwefel und Quecksilber, der vierte Stoff, die Metalle, sind eine besondere Mischung aus den drei erstgenannten. Dann gibt es noch einen fünften Stoff: die „quinta essentia“, die allen Stoffen zu Grunde liegt. Wer sie darstellen kann, hat den Stein der Weisen in der Hand und das Lebenselixier, das von Krankheit und Tod befreit.

Offizin-der-Alten-Stadtapotheke-in-Radolfzell

Nun zu uns. Wann war’s in Radolfzell soweit? 1610 / 11 bekam Radolfzell während einer Pestepidemie, gleichzeitig einen ersten Arzt und einen Apotheker mit Apotheke. Wo dieser Pharmazeut namens Finkher seine Apotheke eröffnete, ließ sich bis heute nicht mit Sicherheit sagen. Bekannt ist, dass sie sich am Marktplatz befand. Es folgten Johann Bischof und sein Schwiegersohn, Hans Kaspar Bollstetter der Jüngere, der zuerst in Konstanz tätig war. 1659, die Apotheke hatte inzwischen den 30-jährigen Krieg überstanden, wurde Melchior Zangerer neuer Pharmazeut. Sein Sohn, Johann Franz, erwarb im Jahr 1689 das Grundstück Seetorplatz 3 zusammen mit dem dahinterliegenden Salzhof, auf dem die Stadtapotheke neu erbaut wurde.

Ein Privilegium der Wiener Regierung versicherte ihm, im neu erbauten Fachwerkhaus sei, bis in alle Zeit, die einzige Apotheke Radolfzells zu führen. Übrigens war er wie sein Vorgänger einige Jahre, bis zu seinem Tod, Bürgermeister (1726 bis 1733) der Stadt Radolfzell.
(Die zweite Apotheke für Radolfzell war die Flora – Apotheke in der Brühlstraße. Zuvor hatte die Stadt um eine weitere Personalkonzession bei der Regierung 1920 eingereicht, die im Oktober 1922 bewilligt wurde vom Innenministerium. Am 1. November 1923 wurde in der Untertorstraße 5 die Flora – Apotheke von Apotheker Otto Holl eröffnet und 1927 erging der Antrag auf Verlegung in die Brühlstraße 2. 1928 (ohne genaues Datum) wurde diese dann am heutigen Standort eröffnet. Immerhin versorgte die Stadt-Apotheke alleine 234 Jahre lang die Stadt.)

Nachdem ich mit Paracelsus einen herausragenden Arzt seiner Zeit vorgestellt habe, möchte ich mit Friedrich Wilhelm Sertürner den Apotheker vorstellen, dem es erstmals gelang, aus einem Wirkstoffgemisch einen einzelnen Wirkstoff, und zwar basischer Art, zu extrahieren. 1805 wurde das Morphin aus dem Opium heraus isoliert. Bis dahin waren alle Wirkstoffe Säuren, oder deren Salze, die bedeutende Substanzgruppe der Alkaloide war erst in diesem Augenblick geboren. Nun gab es kein Halten mehr. Die Chemie war das Mittel des Fortschritts. Aus vielen unscheinbaren, altehrwürdigen Apotheken entstanden pharmazeutische Unternehmen, die bis heute weltweit agieren. So aus der „Grünen – Apotheke“ in Berlin die Firma Schering. Theodor Fontane war dort übrigens als Apotheker tätig. Und aus der Engel Apotheke in Darmstadt entstand die Firma Merck 1827. Hier wurden Mitte des 19. Jahrhunderts bereits 78 kg Morphin mit hoher Reinheit aus 843 kg Rohopium gewonnen. Zu dieser Zeit wurden die Räumlichkeiten in der Apotheke zu klein und man zog mit der Produktion auf ein Gartengrundstück außerhalb von Darmstadt, wo unter modernsten Bedingungen, d.h. unter Einsatz einer Dampfmaschine produziert wurde. Damit war der Übergang vom handwerklichen zum industriellen Betrieb endgültig vollzogen. Bereits 1860 führte die Firma über 800 verschiedene Artikel, unter anderem auch Reagenzien, in ihrer Preisliste auf.

Nun gilt es den Sprung in unsere Zeit. Und letztmalig stelle ich die Frage nach der Lebenserwartung?

Die medizinischen Fortschritte haben sich in den letzten 150 Jahren ereignet. Ignaz Philipp Semmelweis (1818-1865) ein ungarischer Gynäkologe entdeckte die Ursache des Kindbettfiebers durch infizierte Hände von Hebammen und Ärzten. Robert Koch (1843-1910) der deutsche Bakteriologe, entdeckte keimfähige Sporen im Milzbrand- Bazillus, nämlich den Tuberkuloseerreger (1882) und den Choleraerreger 1883. Louis Pasteur (1822-1895) der französische Bakteriologe, der 1881 das Virus als Sammelbezeichnung für infektiöse Einheiten gebrauchte und die ersten Schutzimpfungen gegen Tollwut und Milzbrand einführte. Schließlich Rudolf Virchow (1821-1902), ein deutscher Pathologe, der als Vorkämpfer, der Hygiene und der Desinfektion gilt.

Die Entdeckung des Mikrokosmos und dessen Einflüsse auf den Makrokosmos brachten die notwendigen Maßnahmen, die zu der enormen Steigerung der Lebenserwartung in den letzten 100 Jahren geführt hat. 1901 betrug die durchschnittliche Lebenserwartung eines weiblichen Neugeborenen 48,3 Jahre, die eines männlichen 44,8 Jahre. Wir sehen heute auf die afrikanischen Länder, die laut Statistik eine Lebenserwartung haben, die 1999 geringer war als in Deutschland vor 100 Jahren: Malawi 1999 – 36 Jahre heute 64,1 Jahre, Sambia 1999 – 37 Jahre heute 63,9 Jahre, Äthiopien 1999 – 42 Jahre und heute 64,1 Jahre, Ruanda und Uganda 1999 etwa 43 Jahre heute 65,5 Jahre. Die Länder konnten also enorm aufholen, da inzwischen auf dem Weltmarkt Antibiotika sehr günstig zu erhalten sind. Während die Menschen in Spanien und Italien 81 Jahre erreichen, in China nur 75 Jahre, in der Schweiz und Schweden 82 Jahre alt werden, in Japan, das Platz Eins der durchschnittlichen Lebenserwartung einnimmt, werden die Menschen 84 Jahre alt. In Deutschland wird ein neugeborener Junge 78,9 Jahre alt, ein Mädchen 83,5 Jahre alt. Die deutsche Bevölkerung zählte 1950, 69,3 Millionen Personen, heute sind es über 83,5 Millionen. Die durchschnittliche Kinderzahl betrug in den Jahren 1980-85 1,5, 1999 bis heute sind es nur noch 1,35. 1999 starben pro 1000 Lebendgeborenen 4,9 Kinder im ersten Lebensjahr heute nur noch 3. Die Regierung schätzt das deutsche Fruchtbarkeitsniveau noch immer als zu niedrig ein. Was bedeuten diese Zahlen? 1978 kam das erste Retortenbaby auf die Welt, inzwischen sind es ca. 8-10 Millionen Retorten-Babys, also ein Routinevorgang. Die In-vitro-Fertilisation wird seit 1990 in den USA mit der PDI begleitet. Hinter PDI verbirgt sich das Wort „Präimplantationsdiagnostik“, d.h. nach der Befruchtung im Reagenzglas werden die ersten Zellteilungen abgewartet und einem Test unterzogen, der genetische Mängel aufdecken kann (z. B. Trisomie 21 was das Down-Syndrom entwickelt). In Belgien, den Niederlanden und in England wird das Verfahren ebenfalls durchgeführt, in Deutschland ist es verboten, beziehungsweise seit 2011 in engem Rahmen zugelassen, wenn schwere Erbkrankheiten zu befürchten sind. Gentests entscheiden so über lebenswertes und unlebenswertes Leben! Die Gen-Medizin heilt seit kurzem Babys. In Frankreich wurden einem Mädchen des keine Lymphozyten und Killerzellen bilden kann per Gen-Taxi, die nötigen Erbinformationen eingeschleust. Die nahe Zukunft gehört zwischenzeitlich der Gen-Diagnose. Nun kann der Gendefekt behandelt werden, und der Mensch muss nicht über Sein oder Nichtsein entscheiden. Gentechnologisch hergestellte Medikamente gehören bereits zu unserem Alltag, zum Beispiel die Insuline, die heute viel besser vertragen werden, als noch vor Jahren die damaligen Schweine- oder Rinderinsuline.

An dieser Stelle nun ein Blick für Sie, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, in die Arbeitsweise einer modernen Apotheken-Rezeptur. Die Salben werden heute in einem geschlossenen System bei gleichmäßiger Drehzahl und genau definierter Rührzeit, praktisch unter Ausschluss von Luftsauerstoff hergestellt, was die Haltbarkeit und Wirksamkeit der hergestellten Individualrezeptur auf das selbe Niveau hebt, wie sie auch von der pharmazeutischen Industrie verlangt wird.

Moderne-Lagerhaltung-mit-Kommissionierautomaten-Rowa-kl

Die Lagerung der Fertigarzneimittel in einem Kommissionierautomaten, also einem Mini-Hochregallager, ermöglicht eine temperaturgesteuerte Aufbewahrung und ist gleichzeitig platzsparend und weniger arbeitsintensiv, als die bisherigen Schubladenschränke. Dieser Automat auf dem Bild hat Platz für 15.000 Schachteln und hat auch einen Kühlschrank, wo die eben genannten Insuline bei 2-8 °C aufbewahrt werden. Die Einlagerung erfolgt vollautomatisch, einschließlich der Erfassung des Mindesthaltbarkeitsdatums. Die Auslagerung erfolgt ebenfalls automatisch, je nach Anforderung durch den Apotheker oder die pharmazeutisch-technische Assistentin bei der Rezeptbelieferung oder der Medikationsberatung beim Patienten in der Offizin.

Salbenherstellung mit moderner Rührtechnik

In der Deutschen Apotheker Zeitung war 2000 zu lesen, die Antibiotikaausbeute im Weltall ist größer. In der Schwerelosigkeit wachsen die Mikroorganismen besser und gleichmäßiger und produzieren so mehr Antibiotika. Zum Beispiel Actinomycin D, ein Antibiotikum, dass auch in der Krebstherapie eingesetzt wird, konnte mit einer 75 % höheren Ausbeute von den Mikroorganismen im Weltall produziert werden. Werden wir also zukünftig das Weltall für die Pharmaproduktion verwenden?
New Yorker Kardiologen spritzten herzkranken Patienten mit Erfolg Wachstumsfaktoren zur Gefäßneubildung, so konnte ein künstlicher Bypass vermieden werden und ein biologischer Beipass durch Angiogenese platziert werden. Brustkrebs kann heute mit einem Gentest eine familiäre Prädisposition feststellen und betroffene Frauen können Risikofaktoren ausschalten und sich durch regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen schützen. Wirksame Impfungen gegen Hepatitis A und B sind heute an der Tagesordnung und verhüten damit eine Leberkrebserkrankung. Der Eierstockkrebs kann durch Reparieren des defekten P 53 Gens und wieder in den Tumor, mittels Viren-Taxis eingeschleusten, nun intakten P 53 Genen, mit besseren Heilungschancen versehen werden. Die Erkenntnis, dass der Gebärmutterhalskrebs durch Clamydieninfektionen oder durch Papilioma Viren ausgelöst wird, führte inzwischen zu einer zugelassenen Impfung. Die HPV- Impfung soll Kindern bereits vor dem ersten Geschlechtsverkehr verabreicht werden, übrigens auch Jungen, da diese Impfung auch weiteren Krebsarten vorbeugt. An vielen weiteren gentechnologisch entwickelten Impfstoffen wird gearbeitet, so zum Beispiel einem Impfstoff gegen Darmkrebs. Gleichzeitig arbeitet die Wissenschaft an spezifischen m-RNA Impfstoffen. Sie sind das modernste Therapiemittel und werden in wenigen Jahren zusammen mit anderen die Krebstherapie deutlich verbessern. In diesem Bereich ist Deutschland führend, während die USA die Forschung 2025 eingestellt hat, was die WHO sehr bedauerte.

Alexander Flemings (1881-1955) Entdeckung des Penicillins im Jahre 1928 (Penicillum notatum), welche die Medizin der letzten 100 Jahren mit immer potenteren Antibiotika revolutionierte und unsere Lebenserwartung steigen ließ, wird weiter katalysiert durch unser modernes, gentechnologisches Wissen.

Viele Krankheiten die wir heute mit Medikamenten behandeln, die wir heute noch als Dauermedikation einnehmen müssen, werden in Zukunft durch eine gentechnologische Kurzbehandlung behoben. Die hochpreisigen Therapien stellen jedoch unser Gesundheitssystem vor fast unlösbare Aufgaben. Die Herausforderung, den Menschen möglichst gesund alt werden zu lassen, so dass er seine Würde bewahren kann, ist eine Herausforderung. Die Prävention gegen gesundheitliche Einschränkungen ist das Thema der Zukunft! Die Apothekerinnen und Apotheker sind bei den Patienten gefragter denn je. Denn in Zusammenarbeit mit den Ärzten bieten Sie eine Anlaufstelle und lenken durch ihr pharmazeutisches Wissen optimal die Versorgung der Bevölkerung mit Medikamenten weltweit. Auch wenn unsere Politik dies noch nicht erkannt hat und weiter, dass Apothekensterben begünstigt, glaube ich an eine Zukunft meines Berufsstandes in der Vor-Ort-Apotheke und in den Krankenhäusern auf den Stationen.

Für Ihr Interesse danke ich Ihnen, liebe Zuhörerin und Zuhörer und möchte Ihnen bestätigen, dass sie das Experiment von 3000 Jahren Pharmazie-Geschichte in einer dreiviertel Stunde gut überstanden haben. Vielen Dank! Für etwaige Fragen stehe ich gerne zur Verfügung.

Radolfzell, den 6.4.2026

Michael Dohm
Fachapotheker für Allgemeinpharmazie

Literaturquellen:
Geschichte der Pharmazie von Rudolf Schmitz
Leitfaden der Pharmazie Geschichte 3. Auflage, von A. Helmstädter und J. Hermann
Hildegard Pflanzen Apotheke von Reinhard Schiller
Radold, Bischof von Verona von Eduard Hlawitschka
Die Alchimisten von Petra Schramm
Apotheken und Apotheker im Bodenseeraum von Ernst Ziegler
Der herzkranke Patient in alter Zeit von Ute Künzel
Hunnius, pharmazeutisches Wörterbuch von A. Berger und H. Wachter 6. Auflage
DAZ vom 17.2.2000 und vom 23.3.2000
World Population Data Sheed 1999 des Population Reference Bureau 1999
World Development Indicators, Weltbank 2025

Bildquellen:
Alle Fotos von Michael Dohm 2025

60 Jahre Scheffel-Apotheke in Radolfzell

Am 16. Januar 2024 feiert die Scheffel-Apotheke in Radolfzell ihr 60-jähriges Bestehen. Bereits ein Jahr  nach der Gründung durch den Stadtapotheker Wilhelm Erhard wurde die Apotheke zum 1. September 1965 von Herrn Apotheker Robert Dohm (Senior) übernommen.

 

In den Jahren 1964 bis 1984 war die Scheffel-Apotheke in der Schwertstraße 46 ansässig, danach wurden Räume im Ärztehaus in der Alemannenstraße 5 bezogen. Seit 1998 führt Michael Dohm (Junior) die Apotheke, der in der dritten Generation den Beruf des Apothekers ausübt.

 

Im Jahre 2004 wurde ein Kommissionierautomat angeschafft, der wie ein Mini-Hochregallager die Medikamente an den Mitarbeiter automatisch ausgibt. Die Zeit, die durch diese innovative Technik gewonnen wird, kann für eine umfassende Kundenberatung genutzt werden.

2005 wurde die Neue-Stadtapotheke im „Jahr100bau“ in der Sankt-Johannisstraße 1 in Radolfzell gegründet und wird bis heute von Frau Apothekerin Reinhild Dohm als Filiale geleitet. Auch hier wurde inzwischen ein Kommissionierautomat installiert.

Eine komplette Sanierung der Scheffel – Apotheke erfolgte im Sommer des Jahres 2013, um den Service zu optimieren und das Angebot noch besser präsentieren zu können. Neben dem Verkauf des apothekenüblichen Sortiments werden Salben, Tinkturen und andere nicht industriell verfügbaren Arzneimittel und Tees in der apothekeneigenen Rezeptur hergestellt. Auf Wunsch erfolgt die Lieferung der Medikamente zweimal täglich auch direkt nach Hause (gem. gesetzl. Bestimmungen) durch den apothekeneigenen Lieferservice.

Im Dezember 2019 zieht die Scheffel-Apotheke in das neue „Gesundheitszentrum am Park“ in der Haselbrunnstr. 48 in Radolfzell um. Zusammen mit sechs Arztpraxen ist dieser Standort mit fast 80 Parkplätzen und Bushaltestelle für die Zukunft gerüstet und verkehrsgünstig gelegen.

Mit Beginn des Jahres 2024 wird das elektronische Rezept (E-Rezept) in Deutschland flächendeckend eingeführt und verlangt neue Strategien bei der Patientenversorgung; zum Beispiel mit der eigenen Bestell-App beider  Apotheken.

In beiden Apotheken sind zusammen über 30 hochqualifizierte Mitarbeiter*Innen beschäftigt, die alle Kunden fachlich kompetent in Fragen rund um Gesundheit, Wohlbefinden und Schönheit beraten.

Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

 

Ihr Apothekenteam der Scheffel-Apotheke und der Neuen – Stadtapotheke

Scheffel Wahrzeichen

1826

Namensgeber der Scheffel-Apotheke ist der Bestsellerautor Joseph Viktor von Scheffel, der sich nach seinem Jurastudium, das er auf Wunsch seines Vaters absolvierte, seiner eigentlichen Passion, der Kunst widmete . Er wurde am 16. Februar 1826 in Karlsruhe geboren.

1854

Während seiner Zeit in Säckingen (seit 1978 Bad Säkkingen) schuf Scheffel neben etwa 380 Zeichnungen vor allem die bekannte, in Versform verfasste Erzählung „Der Trompeter von Säckingen“, 1854

1872 – 1874

Durch seinen „Ekkehard“ und seine Gaudeamus-Lieder berühmt geworden, baute er in Radolfzell 1872 – 1874 die Villa Seehalde (heute Mettnaukur)…

1876

und erwarb 1876 das Mettnaugut, wo er das Wohnhaus des Rebgutpächters mit einem Eckturm ergänzte (Scheffelschlößchen; heute Kurverwaltung). Im selben Jahr wurde er vom Großherzog von Baden in den Adelsstand erhoben und wurde Ehrenbürger von Radolfzell.

1886

Seine Leidenschaft war vorwiegend das Wandern – in Geselligkeit bestimmten Trank und gutes Essen seine Lebensqualität.
Im Mettnauschlößchen wohnte er in den Sommermonaten und widmete sich dem Rebbau, der Fischerei und der Jagd. „Meister Josephus vom dürren Ast“, wie er sich später selbst nannte, verstarb am 09. April 1886 in Karlsruhe.